Als Zeichen wachsenden Verständnisses für deutsche Empfindun- gen kann man es wohl werten, daß die Gedenktafel am ehemaligen Haus des deutschen Dichters und Nobelpreisträgers Gerhart Hauptmann (1862-1946) in Agnetendorf im Riesengebirge (heute Republik Polen) nun ein Pendant in deutscher Sprache erhalten hat. Die neue Tafel ist – für den Besucher unübersehbar – in rötlich-braunem Granitstein ausgeführt; die alte (graue) Tafel wurde aus dem gleichen Material erneuert. Geblieben ist das darüber angebrachte markante Relief des Dichters (s. Abbildung).
Der Gedanke, der vorhandenen Tafel den deutschen Text hinzuzufügen, geht auf ein Gespräch mit der Leiterin des im Haus untergebrachten Kindererholungsheims im Anschluß an die gelungene Veranstaltung zum 50. Todestag Gerhart Hauptmanns im letzten Jahr (1996) zurück. Auch von der dabei angebotenen Formulierungshilfe wurde Gebrauch gemacht; eine allzu wörtliche Übersetzung des Textes, in dem vom »fortschrittlichen Schrift- steller des deutschen Volkes« die Rede ist, sollte und konnte so vermieden werden. Weiteren Zutuns bedurfte es nicht. Das Ganze wurde mit den Einnahmen aus dem Verkauf von Ansichtskarten und einer im Eigenverlag herausgegebenen schön bebilderten Schrift über das »Gerhart-Hauptmann-Haus Wiesenstein« finanziert.
Ein bemerkenswertes, früher nicht vorstellbares Ereignis ist auch der kürzlich hier durchgeführte Rezitationswettbewerb Deutsch lernender Schüler aus allen Teilen Schlesiens, die ein verlängertes Wochenende mit ihren Lehrern und Betreuern im Haus verbringen durften – auf Kosten des deutschen Generalkonsuls von Breslau, des Schirmherrn dieser Veranstaltung. Für die besten Leistungen gab’s einen vom Bayerischen Kultusministerium gestifteten einwöchigen Ferienaufenthalt in Bayern; sieben Schüler qualifi- zierten sich dafür, die meisten aus Oberschlesien.
Zur gleichen Zeit traf sich im Haus eine Abordnung der »Niederschlesischen Kulturföderation« aus Breslau mit den Spitzen der Orts- und Kreisbehörden sowie dem deutschen Generalkonsul, um über die künftige Nutzung im Sinne der »Gemeinsamen Erklärung« des deutschen Bundeskanzlers und des polnischen Ministerpräsidenten vom 14. November 1989 zu beraten. Bis Ende des Jahres soll ein praktikables Nutzungs- und Finanzierungs- konzept vorliegen. Die »Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft« und der »Verein zur Pflege schlesischer Kunst und Kultur« sollen an der Konzeption beteiligt werden.
Angesichts dieser Fortschritte ist es um so bedauerlicher, daß die das Geburtshaus Gerhart Hauptmanns und seines Bruders Carl in Obersalzbrunn (jetzt Szczawno Zdroj) bei Waldenburg (Walbrzych) bezeichnende Tafel aus deutscher Zeit entfernt und durch eine polnische ersetzt wurde. Die alte Gedenktafel konnte im übrigen wieder aufgefunden und sichergestellt werden.