»Meine Berge leuchten wieder, menschenfern und nachtbetaut, atme wieder Heimatodem, Wälder rauschen laut ...« mit diesen dem Riesengebirge gewidmeten, beherzt vorgetragenen Versen Carl Hauptmanns bedankte sich die neunjährige Karolina aus Breslau/Wroclaw bei Kultusminister Hans Zehetmair für den ihr und weiteren sechs polnischen Schülerinnen und Schülern im Alter zwischen 10 und 15 Jahren ermöglichten einwöchigen Ferien- aufenthalt in Bayern. Sie waren aus einem Rezitationswettbewerb zum Thema »Deutsche Riesengebirgsdichtung« als Sieger hervorgegangen, der im Frühjahr im Haus Gerhart Hauptmanns in Agnetendorf/Jagniatków im Riesengebirge durchgeführt wurde, wo im letzten Jahr die deutsch-polnische Gedenkfeier zum 50. Todestag des Dichters stattfand. Von dem Besuch im Ministerium wird später noch die Rede sein.
Der Wettbewerb kam auf Initiative des in Hirschberg/Jelenia Góra ansässigen Riesengebirgsvereins/Towarzystwo Karkonosze zu- stande und wurde vom deutschen Generalkonsul in Breslau gefördert. An der Endrunde nahmen 36 im Deutschen erstaunlich gut bewanderte Schülerinnen und Schüler aus mehreren schlesischen Woiwodschaften teil. Unter dem Rübezahl-Bild Moritz von Schwinds (einer Kopie des in der Münchner Schack-Galerie hängenden Originals) hatten sie Gedichte ihrer Wahl von Gerhart und Carl Hauptmann, von Hermann Stehr, Theodor Körner, Ferdinand Freiligrath und anderen Autoren zum Riesengebirge vorzutragen, einen ihnen unbekannten Text deutscher Riesen- gebirgsdichtung vorzulesen und im Gespräch ihre Ausdrucksfähigkeit in der deutschen Sprache nachzuweisen. Um das Reiseticket nach Bayern wurde hart gerungen. Gelohnt hat sich die Teilnahme für alle, denn sie durften ein vergnügliches Wochenende bei freier Kost und Logis im prächtigen »Haus Wiesenstein« verbringen, erhielten attraktive Buchpreise und wurden von Herrn Dr. Trierenberg, dem Autor mehrerer Kunst- und Kulturreiseführer durch Schlesien, in einem Lichtbildervortrag mit den schönsten Werken der Riesengebirgsmalerei bekannt gemacht.
Die glücklichen Gewinner mußten dann allerdings noch das verheerende Oder-Hochwasser überwinden, ehe sie auf teilweise langen Umwegen ans Ziel ihrer Wünsche gelangten. Das war für jeweils einige Tage München und Schloß Fürstenried am Rande der Stadt sowie das Kloster Benediktbeuern im bayerischen Oberland und zuletzt Landshut an der Isar.
Im mittelalterlich geprägten Landshut, um damit zu beginnen, waren die Schülerinnen und Schüler Zeugen eines besonderen Ereignisses, des alle vier Jahre in Erinnerung an die Hochzeit Herzog Georgs des Reichen von Bayern-Landshut mit der polnischen Königstochter Jadwiga im Jahre 1475 veranstalteten historischen Festzugs. En passant begegnete man hier im Namen des Hans-Carossa-Gymnasiums erneut dem Dichter, den der Minister bereits in München mit seinem berühmten Brunnengedicht »Lösch aus dein Licht und schlaf!...« hatte zu Wort kommen lassen. Carossa legte vor genau 100 Jahren an dieser Schule das Abitur ab - wo einige Jahre zuvor auch Ludwig Thoma, Inbegriff kraft- und humorvoller bayerischer Literatur, die Schulbank drückte.
Benediktbeuern zwischen Bad Tölz und Murnau war als Ausgangs- punkt für herrliche Bergwanderungen und Besichtigungstouren gewählt worden, aber auch, um zwei bedeutende bayerische Künstler kennenzulernen: den Komponisten Carl Orff, dessen mittelalterliche Textvorlage für die vor 60 Jahren entstandenen Carmina Burana (Lieder aus Beuern) im Kloster Benediktbeuern aufgefunden worden war, und Franz Marc, der von dieser Gegend aus - zusammen mit Wassily Kandinsky u.a. - der Malerei am Anfang dieses Jahrhunderts neue Impulse gegeben hatte. Einige der Werke von Franz Marc konnten in dem nach ihm benannten kleinen Museum in Kochel bewundert werden, beispielsweise seine »Roten Rehe«. Hiervon gab es für jeden eine Abbildung; ebenso vom Werk eines anderen Malers, dessen Name zu dieser Landschaft um den Kochel- und Walchensee gehört, von Lovis Corinth und seinem großen »Walchensee-Panorama« in leuchtendem Blau. Leider war von den sonst zum Wandern lockenden Bergen wegen des eingetretenen schlechten Wetters nicht viel zu sehen. Dafür blieb genügend Zeit für Ausflüge in die nähere und weiter Umgebung: zum Walchensee-Kraftwerk in Kochel, zum Freilichtmuseum an der Glentleiten, zur Olympiaschanze bei Garmisch-Partenkirchen, zum Schloß Linderhof, zur Wieskirche. Der Blick ins Geigenbaumuseum in Mittenwald und in eine Holzschnitzwerkstatt in Oberammergau ließ Zusammenhänge mit dem im Riesengebirge heimischen Schnitz- handwerk erkennen.
Auch am Ammersee, einer weiteren Reisestation, taten sich überraschende Verbindungen auf. Über dem See, auf dem Andechser Klosterberg, stand einst die Wiege der Hl. Hedwig, der nachmaligen Herzogin von Schlesien, einer Symbolfigur für das friedliche Zusammenleben von Polen und Deutschen. An sie erinnerte vor vier Jahren, zu ihrem 750. Todestag, eine Landesausstellung des »Hauses der Bayerischen Geschichte« im Kloster Andechs, die später auch in Breslau gezeigt wurde. In der Kloster- und Wallfahrtskirche ist Carl Orff, der am anderen Ufer des Sees in Dießen zu Hause war, begraben. Das zu seinem Gedächtnis eingerichtete kinderfreundliche Museum lud dazu ein, einmal nach Herzenslust auf die Pauke zu hauen und die anderen Instrumente des Orffschen Schulwerks auszuprobieren. Die Überfahrt nach Dießen, an Riederau vorbei, gab Gelegenheit, auf den in Schlesien gebürtigen, jetzt in München lebenden Schriftsteller Heinz Piontek hinzuweisen, der hier viele Sommer verbracht und einen Gedichtzyklus nach diesem Ort benannt hatte.
Von den Unternehmungen in München, um gedanklich dorthin zurückzukehren, wo der Ferienaufenthalt begann, gäbe es ver- ständlicherweise eine Menge zu berichten. Besonders erwähnens- wert, weil vom üblichen Sightseeing-Programm abweichend, waren hier zwei Schulbesuche und die dem Kultusminister gemachte, eingangs genannte Aufwartung. Der Besuch in der Grund- und Hauptschule Mammendorf bei Fürstenfeldbruck und im Nymphen- burger Gymnasium mit Realschule München dürfte aufgrund der dort vorzugsweise genossenen Koch- und Bastelstunden das bayerische Schulwesen in mildestem Licht erscheinen lassen. In dieses Bild paßte auch der herzliche Empfang im Ministerium, bei dem die Schülerinnen und Schüler ihre anfängliche Befangenheit rasch ablegten und - dem Beispiel der kleinen Karolina folgend - ein Gedicht ums andere hervorsprudelten. Als Zugabe wurde schließlich noch »Oberschlesien, mein Heimatland« angestimmt, denn die meisten Kinder sowie die sie begleitende Lehrerin kamen dorther, »wo die Häuser grau und hell die Herzen sind«, wie es in dem Lied heißt.