Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich darf zu guter Letzt noch mit einer kleinen Überraschung aufwarten:
Unter uns ist jemand, der Gerhart Hauptmann nicht nur selbst erlebt hat, sondern neun Jahre, von 1937 bis 1946, im Haus Wiesenstein gelebt und gewirtschaftet hat und jeden Winkel des Hauses kennt: Frau Margarete Heumader (den schönen bayerischen Namen hat sie sich erheiratet, mit Mädchennamen hieß sie Kappler; bekannt war sie eigentlich nur unter ihrem zweiten Vornamen Martha, zur Unterscheidung von der Hausherrin Margarete Hauptmann). Frau Heumader kam in Begleitung ihres Schwieger- sohns aus Passau hierher – zum ersten Mal seit 1946. Nach den Worten des hier aufgewachsenen Hauptmann-Sohnes Benvenuto war sie »der Liebling von Pappi ... hochintelligent, witzig, ausgesprochen schlesisch ...«.
Sie stammt aus dem hinter Schmiedeberg (jetzt Kowary) gelegenen Röhrsdorf (jetzt Redziny) und trat, 17-jährig, bei Hauptmanns in Stellung – als Hausmädchen und Köchin. Als sie sich auf eine Annonce meldete und vorstellte, meinte der Hausherr, daß sie für den Posten noch zu jung sei. Darauf gab sie die entwaffnende Antwort: »Herr Dukter, merr kinnten’s ju amoll versucha«. Bei dem Versuch blieb es nicht. Sie war dem Dichter und seiner Frau bald unentbehrlich in Haus und Küche (oft bis spät in die Nacht, wenn es den Hausherrn und seine Gäste noch nach »Pellkartoffeln« oder anderen kriegsbedingt kärglichen Genüssen verlangte); und sie war auf vielen ihrer Reisen dabei – auch auf der letzten Reise des Dichters auf die Ferieninsel Hiddensee in der Ostsee (bei Rügen) zu seiner Beerdigung. Anschließend hielt sie bis zu ihrer Heirat der Familie Benvenuto Hauptmanns die Treue und kümmerte sich um deren Tochter Anja. Von ihr, die heute leider nicht anwesend ist, sind bereits einige im Vorgriff auf die angestrebte museale Einrichtung des Hauses zur Verfügung gestellte Exponate zu sehen.
Frau Heumader ist nicht mit leeren Händen gekommen. Sie hat ein Gastgeschenk mitgebracht, das sie dem Direktor des Hauses, Herrn Szuber, für die Fotoausstellung übergeben möchte: eine sonst noch nirgendwo gesehene treffliche Portraitaufnahme von Gerhart Hauptmann (in den Maßen 30 cm x 40 cm) aus den frühen Jahren der Farbfotografie; dazu ein Dokument, das die Verbundenheit des Dichters mit Agnetendorf zum Ausdruck bringt: ein Ehren-Diplom der Freiwilligen Feuerwehr des Orts vom 17. Mai 1914, mit dem sie »ihren Gönner Herrn Dr. Gerh. Hauptmann zu ihrem Ehrenmitglied« ernennt – zum Feuerwehr-»Hauptmann« sozusagen.
Das gute Beispiel von Frau Heumader ließ mich nicht ruhen, meinerseits etwas zu diesem Haus und seinem ehemaligen Hausherrn Passendes beizutragen. (Vor fünf Jahren, zu der zusammen mit Herrn Dr. Ullmann für den im nahen Lomnitz ansässigen Verein zur Pflege schlesischer Kunst und Kultur VSK organisierten deutsch-polnischen Gedenkfeier anläßlich des 50. Todestags von Gerhart Hauptmann, hatte ich das jetzt im Eingangsbereich des Hauses hängende große Portrait des Dichters in herrscherlicher Pose mitgebracht, eine Reproduktion des 1942 von Wilhelm Victor Krausz gemalten Ölbildes aus dem Museum in Erkner.)
Gerhart Hauptmann war bekanntlich ein großer Verehrer des deutschen Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe, mit dessen Ähnlichkeit im Alter er – mit Verlaub – gern kokettierte. Von der Galerie der Halle blickte einst eine kolossale Goethe-Büste herab, eine Kopie der von dem französischen Bildhauer Pierre Jean David d’Angers aus weißem Marmor geschaffenen Skulptur. Der Künstler hatte Goethe das Original 1831 in Weimar zum Geschenk gemacht; es befindet sich heute in der dortigen Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek. Die hier vorhandene Kopie ist nach dem Krieg spurlos verschwunden. Für einen neuen Abguß reichte mein Geld indessen nicht. So habe ich von dem Weimarer Original ein paar gute Aufnahmen in der Größe des Hauptmann-Portraits anfertigen lassen. Sie mögen derweilen als Platzhalter dienen, bis sich die alte Kopie findet oder (realistischer) ein Spender, der eine neue Kopie des Goethe-Kopfes für das Haus Wiesenstein finanziert.