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Hertha Sponer (1895–1968) – eine Frau, die sich als eine der ersten in der Männerdomäne Physik durchgesetzt hat.
Zur Erinnerung an die vor 50 Jahren verstorbene schlesische Wissenschaftlerin.

Es muss in den ersten Jahren des letzten Jahrzehnts gewesen sein, als mir bei einem Termin an der Universität Augsburg auf deren neuem Campus ein Schild mit der Aufschrift »Hertha-Sponer-Weg« aufgefallen ist. Der Weg erschließt den südlichen Teil des Geländes mit den Gebäuden für die Physiklehrstühle und dem Sportzentrum. Eine Recherche nach dem mir bis dahin nicht geläufigen Namen Hertha Sponer ergab, dass es sich dabei um eine aus dem oberschlesischen Neisse stammende Physikerin handelt, die zweite Professorin diese Fachs an einer deutschen Hochschule (nach der 17 Jahre älteren Lise Meitner und vor ihrer 8 Jahre älteren Landsmännin Hedwig Kohn), und dass die Benennung des Wegs von den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des Instituts für Physik vorgeschlagen und vom Senat der Universität beschlossen wurde.

Wie ich weiter erfuhr, trägt der Weg seit Mai 1999 diesen Namen. Bei der Namensgebung stand die Physikerin Marie-Ann Maushart Pate mit ihrer als Doktorarbeit (am Lehrstuhl von Armin Hermann der Universität Stuttgart) verfassten, 1997 im Verlag für Geschichte der Naturwissenschaften und der Technik (GNT-Verlag), Bassum/Diepholz, erschienenen Biographie »Um mich nicht zu vergessen. Hertha Sponer – Ein Frauenleben für die Physik im 20. Jahrhundert«. Zur Einweihung des Weges referierte die Autorin über die Namensgeberin. Die Schrift ist seit 2011 auch in englischer Sprache erhältlich – als Publikation der Duke University Durham (USA/NC), wo Hertha Sponer von 1936 bis 1965 gelehrt und geforscht hat.

Seit 2002 erinnert der von der Deutschen Physikalischen Gesellschaft jährlich vergebene Hertha-Sponer-Preis an die Wissenschaftlerin; er soll vor allem jüngere Wissenschaftlerinnen durch öffentliche Auszeichnung von hervorragenden Arbeiten ermutigen und auf diese aufmerksam machen, um so mehr Frauen für die Physik zu gewinnen (wie es in der Satzung heißt).

Wer war diese bemerkenswerte, den jungen Frauen als Vorbild empfohlene Wissenschaftlerin, die sich als eine der ersten in der Männerdomäne Physik durchsetzen konnte, welchen Weg hat sie genommen und was waren ihre Leistungen?

Hertha Dorothea Elisabeth Sponer wurde am 1. September 1895 als erstes von fünf Kindern der Eheleute Elisabeth Helene Ottilie und Robert Franz Sponer – beide evangelischen Bekenntnisses – in Neisse geboren, wo der Vater einen Schreibwarenladen betrieb. Der Schilderung ihres schulischen Werdegangs seien zunächst ein paar Hinweise zur Ausbildungssituation der Mädchen um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert vorangestellt.

Dazumal endete der Bildungsweg einer »höheren Tochter« üblicherweise mit dem Abschluss der 10-jährigen Höheren Töchter-/Mädchenschule oder mit dem Besuch eines Erzieherinnen-/Lehrerinnenseminars. Als der Ruf nach einer höheren berufsqualifizierenden Bildung für Frauen immer lauter wurde, richtete man nach und nach studienvorbereitende Gymnasialkurse für Mädchen und später eigene Mädchengymnasien ein. Zunächst blieb den an einem Hochschulzugang interessierten Mädchen aber nur der Weg, die dafür erforderliche Abiturprüfung als Externe an einem Knabengymnasium abzulegen.

Da die Eltern von Hertha Sponer ihre Tochter gern als Lehrerin an einer Höheren Töchterschule gesehen hätten, schickten sie sie nach dem Besuch der besagten Schulen in Neisse und Zittau (wohin sie 1906 umgezogen waren) sowie einem den Schulunterricht z.T. ersetzenden und ergänzenden 5-jährigen Privatunterricht auf ein einjähriges Erzieherinnenseminar. Im Anschluss daran war sie drei Jahre als Erzieherin bzw. Kriegsvertretung an einer Volksschule tätig. Vom Interesse an der Physik motiviert, unterzog sie sich – nach einjährigem Vorbereitungskurs – im März 1917, inzwischen 21 ½ Jahre alt, der Abiturprüfung als Externe am Realgymnasium in Breslau.

Ähnlich erging es der vorgenannten Lise Meitner in Österreich; sie gelangte 1901, mit 22 ½ Jahren, (nach einem Berufsabschluss als Lehrerin und zusätzlichem Privatunterricht) zur extern abgelegten Reifeprüfung (Matura). Im Vergleich dazu hatte ihr späterer wissenschaftlicher Partner, der gleichalte nachmalige Nobelpreisträger im Fach Chemie Otto Hahn, in jenem Jahr bereits Studium und Promotion hinter sich gebracht. Anders als Lise Meitner, die für die Aufnahme des Studiums an der Universität ihrer Heimatstadt Wien noch einer Ausnahmegenehmigung bedurfte, zog Hertha Sponer im Jahr 1917 indessen Nutzen aus der den Frauen hierzulande seit 1900 schrittweise erlaubten Zulassung zum Universitätsstudium. Das nach dem Ersten Weltkrieg durchgesetzte allgemeine Wahlrecht und die in der Weimarer Verfassung verankerte Gleichstellung von Männern und Frauen vor dem Gesetz führten auch dazu, dass Frauen nicht länger vorenthalten werden konnte zu promovieren und sich zu habilitieren.

Hertha Sponer nahm 1917 das Studium der Physik (mit Nebenfächern Mathematik und Chemie) in Tübingen auf, setzte es im Jahr darauf in Göttingen fort und schloss es bereits 1920, nach nur sechs Semestern, mit der Promotion beim nachmaligen Nobelpreisträger Peter Debye ab. Die mit der Dissertation begonnenen spektroskopischen Arbeiten (»Über ultrarote Absorption zweiatomiger Gase«) und ihre quantentheoretische Deutung sollten sich durch ihr gesamtes wissenschaftliches Schaffen ziehen. Um ihre experimentellen Fähigkeiten zu verbessern, ging sie sodann nach Berlin ans Kaiser-Wilhelm-Institut für physikalische Chemie und Elektrochemie (heute Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft). Dort traf sie auf ihren großen Mentor und Förderer, den Experimentalphysiker James Franck, der wenige Jahre später – zusammen mit Gustav Hertz – den Nobelpreis für den nach ihnen benannten Versuch zur Bestätigung des Bohr'schen Atommodells mit diskreten, gequantelten Energieniveaus im Atom bekam. In Berlin fand Sponer auch Zugang zum illustren Kreis namhafter Physiker und Chemiker um Albert Einstein und Fritz Haber, die sich häufig zu geselligen Abenden trafen. Im Jahr darauf wechselte sie mit James Franck an die Universität Göttingen, wo sie eine ihm zugeordnete Assistentenstelle bekleidete und neben eigenen Forschungsarbeiten insbesondere die Praktika am Physikalischen Institut betreute.

Göttingen war in den 1920er Jahren ein Zentrum der Physik von Weltrang. Am Lehrstuhl für Theoretische Physik des mit James Franck befreundeten Max Born wurde Mitte des Jahrzehnts das Instrumentarium zur adäquaten Beschreibung der Phänomene der Atom- und Teilchenphysik entwickelt, die Quantenmechanik (mit Werner Heisenberg und Pacual Jordan). Von Göttingen wurden viele Koryphäen, junge Wissenschaftler und Studenten angezogen. Hier habilitierte sich Hertha Sponer 1925 mit der Schrift »Anregungspotentiale der Bandenspektren des Stickstoffs«. Kurz darauf ermöglichte ihr die Rockefeller Foundation einen einjährigen Forschungsaufenthalt an der University of California in Berkeley, einem Mekka der Spektroskopie. Wieder zurück in Göttingen, begann sie eine alle Gebiete der modernen Physik umfassende Lehrtätigkeit.

1930 wurde Hertha Sponer Oberassistentin und zwei Jahre später zur außerordentlichen – nichtbeamteten – Professorin ernannt (Frauen war es damals per Gesetz verwehrt, eine beamtete Professur auszuüben). Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten büßte Göttingen durch die Entlassung aller Beamten »nichtarischer« Abstammung seine Weltgeltung ein. James Franck, der als »Frontkämpfer« im Ersten Weltkrieg zunächst noch hätte bleiben können, protestierte öffentlich gegen die Vertreibung seiner jüdischen Kollegen und legte sein Amt nieder. Noch im gleichen Jahr emigrierte er über einen Zwischenaufenthalt in Kopenhagen in die USA, wo er eine Anstellung als Professor an der Johns Hopkins University in Baltimore fand, von wo aus er 1938 an die der University of Chicago wechselte.

Als »Arierin« hätte Hertha Sponer in Deutschland bleiben können, aber mit dem Weggang ihres Mentors Franck hatte sie in Göttingen keine berufliche Zukunft mehr, denn der zur Vertretung seines Lehrstuhls bestellte Ordinarius Robert Pohl war mit den Nationalsozialisten entschieden dagegen, Frauen einen Platz in der Wissenschaft einzuräumen. In dieser Situation ließ sie sich für zwei Semester beurlauben und nahm die Möglichkeit wahr, diese Zeit am Institut für Physik der Universität Oslo zu verbringen. Anschließend rang sie sich dazu durch, im Januar 1936 Deutschland und Europa zu verlassen, um auf Francks Vermittlung eine ihr von der Duke University Durham, North Carolina, angebotene ordentliche Professur zu übernehmen; sie wurde damit die erste weibliche Voll-Professorin an der Physik-Fakultät dieser Hochschule.

Mit 40 Jahren war Hertha Sponer jung genug, in der Neuen Welt eine zweite Karriere zu beginnen. Sie setzte sich für den raschen Aufbau des Physikalischen Instituts ihrer Hochschule ein und machte es zu einem internationalen Anziehungspunkt. Mit über 80 Veröffentlichungen, z.T. in Zusammenarbeit mit bekannten Physikern (u. a. Edward Teller), trug sie viel zum Verständnis der Vorgänge in Molekülen sowie bei der Fluoreszenz, der Phosphoreszenz und der Dissoziation bei. Durch ihre Arbeiten im Grenzgebiet zwischen Physik und Chemie wurde sie zu einer Pionierin der interdisziplinären physikalisch-chemischen Forschung. Ihr zweibändiges Werk »Molekülspektren und ihre Anwendung auf chemische Probleme«, ein vielgelesenes Standardwerk, verbindet spektroskopische Arbeiten mit quantenmechanischen Vorstellungen. Ihre Wertschätzung in der wissenschaftlichen Welt kommt auch zum Ausdruck durch die Mitgliedschaften bei verschiedenen wiss. Gesellschaften, wie der New York Academy of Sciences, der American Physical Society, der Optical Society of America und nicht zuletzt der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. Außerdem war sie für zweimal drei Jahre Mitherausgeberin des Journal of Chemical Physics.

Mit ihrem Mentor und Freund James Franck stand Hertha Sponer über die Jahre weiterhin in wissenschaftlichem und persönlichem Kontakt. 1946, fünf Jahre nach dem Tod von Francks (erster) Frau, heirateten beide. An ihrer jeweiligen Hochschule blieben sie (auch über die Pensionsgrenze hinaus) wissenschaftlich tätig, so dass sie nur wenige Wochen im Jahr zusammen sein konnten, meist beim Besuch von alten Freunden und Verwandten in Deutschland oder auf gemeinsamen Reisen bzw. Vortragsreisen; auch bei einer einjährigen Gastprofessur an der Universität Uppsala begleitete er sie. James Franck wurde 1947 emeritiert, sie 1965, an ihrem 70. Geburtstag. Bald darauf – ihr Lebensgefährte war schon 1964 bei einem Aufenthalt in Göttingen an Herzversagen gestorben – setzten Anzeichen einer Demenz-Erkrankung bei ihr ein, so dass ihr Neffe Christoph Schönbach, der Sohn ihrer jüngsten Schwester Charlotte, sie zu sich nach Celle holte. Da sich ihr Zustand zusehends verschlechterte, musste sie 1967 in ein Pflegeheim in Ilten (heute ein Ortsteil der Stadt Sehnde s/ö von Hannover) eingewiesen werden, wo sie am 17. Februar 1968 verstarb. Auf dem Waldfriedhof von Celle wurde sie begraben.

Als ich im Spätsommer 2005 das Grab ausfindig machen wollte, fand ich nur noch die Grabstelle ohne den ursprünglich vorhandenen Grabstein vor. Der Stein – ein großer Findlingsblock mit der Aufschrift Hertha Sponer-Franck in der linken und Charlotte Schönbach geb. Sponer in der rechten Hälfte (darunter die jeweiligen Geburts- und Sterbejahre) – ist, wie zu erfahren war, bereits im Jahr zuvor aus nicht bekannten Gründen entfernt und offenbar einer anderen Verwendung zugeführt worden (obwohl das Grabnutzungsrecht erst 2008 endete). Ein am Lehrstuhl für Didaktik der Mathematik und Physik der Leibniz-Universität Hannover tätiger Sohn des vorgenannten Neffen, Ulrich Schönbach, bedauert es sehr, dass seinerzeit nicht versucht wurde, die Grabstätte – evtl. im Benehmen mit der Universität Göttingen – als würdigen Gedenkort zu erhalten.

Wie ich dieser Tage überrascht feststellen musste, ist auch der Universität Augsburg ein Ort des Erinnerns an Hertha Sponer abhanden gekommen: nämlich der im Stadtplan und bei Google-Maps ausgewiesene Hertha-Sponer-Weg; vor Ort findet sich an keiner Stelle des langen Wegs mehr ein Hinweis auf seine Bezeichnung. Vorgeblich hat die Universität die Beschilderung (und weitere Wegschilder), die eigentlich der besseren Orientierung dienen sollte(n), entfernen lassen, um – wie sie meint – Feuerwehr und Rettungskräfte im Notfall nicht zu irritieren; den allermeisten Gebäuden auf dem Campus wurde nämlich die Adresse »Universitätsstraße« verpasst, auch denen, die gar nicht an ihr liegen. Dies dürfte es externen Gästen keineswegs erleichtern, sich auf dem Hochschulgelände zurechtzufinden – was Insider bestätigen. Bleibt zu hoffen, dass die Universität ihre Haltung dazu nochmals überdenkt.

Hertha Sponer, Lise Meitner und Otto Hahn sind übrigens seit 1968 im Tode vereint; der beiden Letztgenannten wurde in den Medien ausführlich gedacht, für die »Dritte im Bunde« sei dies hiermit nachgeholt – eingedenk ihrer eigenen Worte um mich nicht zu vergessen.


Erschienen in:
»SCHLESIEN HEUTE« 12/2018, Senfkorn-Verlag A. Theisen, Görlitz (unter der Überschrift »Um mich nicht zu vergessen. Zur Erinnerung an Hertha Sponer (1895–1968), die vor 50 Jahren verstorbene schlesische Wissenschaftlerin« – mit wesentlich weniger Bildern).

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