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Friedrich Schikora aus Gleiwitz mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet
– eine späte, für ihn glücklicherweise nicht zu späte Anerkennung


Am 24. August 2020 ist Herrn Friedrich Schikora aus dem oberschlesischen Gleiwitz das vom deutschen Bundespräsidenten mit Urkunde vom 17. Februar d. J. verliehene Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland überreicht worden. Die Auszeichnung des mittlerweile über 90-jährigen gilt im wesentlichen dem drei Jahrzehnte zurückliegenden Einsatz zur Erlangung der Minderheitenrechte für seine deutschen Landsleute im heute polnischen Oberschlesien. Zu der Übergabe der Ordensinsignien mit einem anschließenden »vin d'honneur« hatte die stellvertretende Generalkonsulin Frau Jana Orlowski von der konsularischen Vertretung der Bundesrepublik in Breslau – abweichend vom üblichen Protokoll – in ein Gleiwitzer Hotel eingeladen. An dem Festakt nahmen die größtenteils aus Deutschland angereisten Angehörigen sowie etliche Freunde und Weggefährten des Ordensprätendenten teil, u. a. zwei seiner ehemaligen Mitstreiter, die für ihren Beitrag schon Jahre zuvor in gleicher Weise den »Dank des Vaterlandes« ausgesprochen erhielten.

Mit dieser Ehrung fand die herausragende, vielfach beispielgebende Lebensleistung des aufrechten, unbeugsamen Mannes eine späte, dank seiner Lebenskraft glücklicherweise nicht zu späte Anerkennung, worüber er verständlicherweise tiefe Genugtuung empfand. Besteht doch – nach Blaise Pascal (1623–1662), dem französischen Mathematiker, Physiker und Philosophen – das ganze Glück des Menschen darin, bei anderen Achtung zu genießen.

In einer einfühlsamen, auch unangenehme zeitbedingte Begleitumstände seines Wirkens nicht ausblendenden Rede zeigte Frau Orlowski den Lebensweg des Auszuzeichnenden und – daran anknüpfend – seine vielfältigen Verdienste auf; ihre Laudatio sei hier im Wortlaut wiedergegeben:

»Es ist mir eine Ehre und eine große Freude, Sie heute hier in Gleiwitz begrüßen zu dürfen. Wir ehren mit Ihnen, lieber Herr Schikora, einen der Gründer der Deutschen Minderheit in Polen. Ich bin sehr froh, dass wir dafür trotz der Pandemie eine Möglichkeit gefunden haben und dass Ihre Familie aus Deutschland anreisen konnte.

Wie viele Oberschlesier mussten Sie sich, lieber Herr Schikora, mit dem Kriegsende über Nacht in einer völlig veränderten Welt zurechtfinden. Sie sollten nicht nur Polnisch lernen, sondern alles Deutsche am besten vergessen. Ihren Lebensweg hat das erschwert; nach einer Schlosserlehre mussten Sie im Abendstudium das Abitur und das Studium für Ihre spätere Arbeit als Bauingenieur absolvieren. In Ihrem Beruf waren Sie danach nicht nur anerkannt und geschätzt, sondern auch ein so gefragter Spezialist, dass Sie bis zum 72. Lebensjahr gearbeitet haben.

Es ist nicht möglich, einem Menschen seine Wurzeln, seine Muttersprache und Identität zu nehmen. Aber es ist unterschiedlich, wie Menschen damit umgehen, wenn das versucht wird. Sie, lieber Herr Schikora, haben immer zu den Kämpfern für die Rechte der deutschen Minderheit gezählt. In Zeiten, in denen kaum jemand die Stimme zu erheben wagte, haben Sie 1970 gemeinsam mit [Ihrem Freund] Konrad Kappek an Primas Wyszynski geschrieben und ihn gebeten, deutsche Gottesdienste einzuführen. Eine Antwort haben Sie nie erhalten, die Kirche zog es vor, die Existenz einer deutschen Minderheit weiterhin nicht anzuerkennen.

Ironischerweise war es ausgerechnet die politische Geheimpolizei, die Sie in den 1980er-Jahren einbestellt und durch die Sie erfahren haben, dass es Mitstreiter für Ihr Anliegen gibt. Über Bekannte haben Sie sich dann der Aktivistengruppe um Blasius Hanczuch angeschlossen, die seit 1984 Registrierungsanträge für deutsche Vereinigungen stellte, und sind dafür immer wieder von der Geheimpolizei verhört worden. Dennoch haben Sie 1989 das große Fest der Deutschen in Zawada [ein nördlich von Gleiwitz gelegener Ort, der zwischen 1933 und 1945 Bachweiler hieß] mitorganisiert.

Im Mai 1988 erkundigte sich der StS [Parlamentarische Staatssekretär] im Bundesinnenministerium, Spranger, erstmals, wie viele Deutsche eigentlich in Oberschlesien leben. Sie haben daraufhin Ihr Haus für eine Unterschriftensammlung zur Verfügung gestellt, und mehr als 30.000 Personen haben dort unterschrieben – sie haben vor dem Hause Schlange gestanden. Da ich selbst in der DDR aufgewachsen bin, weiß ich sehr gut, wieviel Mut dazugehört hat, gerade in dieser Zeit solche Aktionen zu organisieren, und habe großen Respekt davor. Seit dieser Zeit haben Sie immer wieder Anträge auf Anerkennung eines deutschen Minderheitenverbands gestellt, die ebenso regelmäßig von der Woiwodschaft abgelehnt wurden.

Im Januar 1989 konnten Sie an einem damals noch ›illegalen‹ Treffen der deutschen Minderheit mit Außenminister Genscher nicht teilnehmen, weil die Geheimpolizei Ihren Chef stark unter Druck setzte und er Ihnen unter Androhung der Entlassung den nötigen Urlaub hierfür verweigerte. Jedoch haben Sie im Laufe des Jahres sowohl Bundespräsident [von] Weizsäcker wie auch Kanzler Kohl die Situation der deutschen Minderheit in Polen schildern können.

Ihr noch von weiteren Persönlichkeiten der Minderheit unterzeichnetes Schreiben an Erzbischof Nossol bewirkte endlich, dass ab Juni 1989 wieder deutschsprachige Gottesdienste für die Deutschen in Polen stattfinden konnten.

Lieber Herr Schikora, Sie hatten am 16. Januar 1990 den großen Erfolg, dass auf Ihren Antrag hin die Woiwodschaft Kattowitz die Einrichtung eines DFK [›Deutscher Freundschaftskreis‹] in Gleiwitz genehmigte. Sie haben ihm sogar zeitweilig Ihr eigenes Haus zur Verfügung gestellt – mit großem Risiko und erheblichem Stress und Angst für Sie und Ihre Familie, denn es wurden alle Scheiben eingeschlagen und das Haus beschmiert. Ihr großer Mut und Ihre Entschlossenheit, die deutsche Minderheit in Polen aufzubauen und zu unterstützen, sind wirklich bewundernswert. Sie haben den DFK Gleiwitz bis 2007 geleitet und sind auch heute noch Mitglied. Sie waren auch jahrelang Vize-Vorsitzender des VdG [›Verband der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen‹].

Sie haben sich immer für die Kultur der Deutschen in Polen und die Deutsche Sprache engagiert und alle zwei Jahre die ›Deutsch-Polnischen Kulturtage‹ organisiert. Bis heute helfen Sie beim Austausch von Chören, Kulturgruppen und Musikkapellen mit Partnern in Deutschland. Für Ihre Verdienste um die deutsch-polnische Verständigung wurden Sie 2012 auch von polnischer Seite durch eine Auszeichnung des Marschallamtes Kattowitz geehrt.

Ich freue mich sehr, Ihnen für Ihren besonderen Einsatz für die Rechte der Deutschen Minderheit und die deutsch-polnische Verständigung heute das Ihnen vom Bundespräsidenten verliehene Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland überreichen zu können.«

So weit, so gut. Aber warum mussten so viele Jahre vergehen, ehe Schikoras unbestreitbare Verdienste diese Anerkennung erfuhren? Ich hatte sie bereits in meiner Ordensanregung vom 16. März 2009 gegenüber dem damaligen Breslauer Generalkonsul anhand des eingeholten Lebensabrisses aufgezeigt, der erkennbar auch der vorstehend wiedergegebenen Laudatio zugrunde liegt. Auf meine Rückfragen nach dem Stand des Verfahrens wurde lange auf die noch andauernde Abstimmung zwischen dem Auswärtigen Amt (AA) und der Deutschen Botschaft in Warschau hingewiesen und letztlich lapidar mitgeteilt, dass das von mir »angeregte Ordensverfahren nicht mehr weiterverfolgt wird«.

Aufgrund meiner Erfahrung mit einer anderen, zunächst ebenfalls abschlägig beschiedenen und sodann, mit politischem Rückenwind, ins Positive gewendeten Ordensangelegenheit versicherte ich mich bei dem 2011 in die Wege geleiteten zweiten Versuch einflussreicher Protektion von jener Seite. Dabei wies ich ausdrücklich auf die bereits vor Jahren des Verdienstordens würdig erachteten zwei Mitstreiter Schikoras hin sowie darauf, dass die Auszeichnung verdienter Persönlichkeiten der deutschen Minderheit in Oberschlesien ein wichtiges Zeichen gegen die um sich greifende Gleichgültigkeit und den Kleinmut in Bezug auf die eigene Sprache und Kultur wäre und diejenigen ermutigen würde, die sich für die Belange der vom »Absterben« bedrohten Volksgruppe (so die Ausdrucksweise einer Oppelner Tageszeitung) einsetzen. Davon unbeeindruckt, teilte das AA nach einem Jahr sibyllinisch mit: »Das Engagement von Herrn Schikora im Interesse der deutschen Minderheit in Polen ist beachtlich und begrüßenswert, jedoch für die Verleihung des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland nicht ausreichend.«

Könnte es nicht vielmehr sein, dass die im Ordensreferat des AA seinerzeit mit der Angelegenheit Befassten den ihnen gestellten Anforderungen nicht gerecht geworden sind? Diese Frage drängt sich unwillkürlich auf, nachdem der sieben Jahre später, 2019, seitens des Landesverbands Bayern im Bund der Vertriebenen ergriffenen neuen Initiative – bei unveränderter Sachlage, in voller Kenntnis meiner vorangegangenen Bemühungen und des dabei angefallenen Schriftwechsels – nun doch Erfolg beschieden war. Jedenfalls bestätigt sich damit wieder einmal das geläufige »Aller guten Dinge sind drei« auf wundersame Weise….


Erschienen in:
»Schlesischer Kulturspiegel« 1/2021 der Stiftung Kulturwerk Schlesien, Würzburg

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